Ich hatte natürlich keine Brille.

Das muss man gleich zu Beginn sagen, weil es einiges über meine Vorbereitung auf astronomische Großereignisse verrät. Monate zuvor hatte ich mir die Sonnenfinsternis im Kalender eingetragen. Vorausschauend, gewissenhaft, beinahe wissenschaftlich. Nur den Erwerb einer Sonnenfinsternisbrille hatte ich dabei offenbar für ein Detail gehalten, das sich später von selbst erledigen würde.

Tat es nicht.

Mein ursprünglicher Plan war ohnehin ein anderer gewesen. Ich wollte zum Schloss Staufenberg fahren, hinauf in die Weinberge, und dort der Sache in angemessener Kulisse beiwohnen. Sonne, Reben, Schwarzwald, kosmisches Schauspiel. Dann hörte ich im Radio, Schloss Staufenberg werde als besonders schöner Aussichtspunkt empfohlen. Damit war die Sache erledigt.

Wenn im Radio ein schöner Aussichtspunkt empfohlen wird, ist er anschließend kein Aussichtspunkt mehr, sondern ein Parkplatzproblem mit Aussicht. Ich sah mich bereits irgendwo zwischen Durbach und Offenburg im Auto sitzen, während über mir unbemerkt die Sonne verschwand. Also blieb ich in Kehl.

Gegen 19.45 Uhr machte ich mich auf den Weg zur Passerelle. Zuvor hatte ich vom Balkon aus noch eine kleine wissenschaftliche Voruntersuchung vorgenommen. Da ich keine Schutzbrille besaß, blickte ich durch unseren Sonnenschirm in Richtung Sonne. Das war keine besonders gute Idee. Meine Augen teilten mir das wenig später ebenfalls mit. Immerhin wusste ich nun zweierlei: Die Sonne war noch da, und ein Sonnenschirm ist keine Schutzbrille.

Am Rhein stellte sich heraus, dass halb Kehl offenbar besser vorbereitet war als ich. Überall standen Menschen. Im Rheinvorland, am Ufer, auf der Passerelle. Familien, Paare, Spaziergänger, Fahrräder. Und erstaunlich viele dieser kleinen dunklen Brillen, die ihre Träger aussehen lassen, als hätten sie sich für eine sehr preiswerte Reise ins Weltall angemeldet.

Ich hatte keine. Also entwickelte ich meine eigene Methode. Auf der Passerelle stellte ich mich hinter einen der dicken Pfeiler. Andere hatten zertifizierte Schutzfilter. Ich hatte Stahl vor der Nase. Das funktionierte erstaunlich gut. Sobald die Sonne zu neugierig wurde, trat ich einen halben Schritt zur Seite. Zwischendurch machte ich Fotos und beobachtete vor allem die Menschen. Denn am Himmel geschah für mich zunächst erstaunlich wenig. Jedenfalls für jemanden, der nicht hineinsehen durfte.

Dann wurde es langsam dunkler. Nicht wie am Abend. Auch nicht wie vor einem Gewitter. Es war eine merkwürdige Dunkelheit. Als hätte jemand das Licht heruntergedimmt, ohne die Farben entsprechend anzupassen. Der Rhein war noch derselbe Rhein, Straßburg lag weiterhin auf der anderen Seite, die Passerelle spannte sich wie immer über das Wasser – und trotzdem stimmte etwas nicht mehr mit der Welt.

Ein Vogelschwarm zog über den Himmel. Für einen Moment bekam das Ganze etwas Archaisches. Man verstand plötzlich, weshalb Menschen vor einigen Jahrhunderten bei einer Sonnenfinsternis nicht zuerst nach dem Smartphone gegriffen hatten, sondern nach einem Priester.

In der Ferne konnte ich den Weißtannenturm erkennen. Auch dort oben standen die Menschen dicht gedrängt. Kleine Figuren über der Ebene, alle mit dem Gesicht in dieselbe Richtung. Auf der Passerelle wurde es stiller. Der Himmel hatte unsere Aufmerksamkeit. Dann erreichte die Finsternis ihren Höhepunkt. Ganz dunkel wurde es nicht. Und plötzlich klatschten die Leute. Das fand ich beinahe schöner als die Sonnenfinsternis selbst. Da steht eine Menschenmenge am Rhein und applaudiert einem Himmelskörper, weil ein anderer Himmelskörper sich für kurze Zeit davor geschoben hat. Niemand hatte etwas geleistet. Die Sonne nicht, der Mond nicht, wir schon gar nicht. Und trotzdem klatschten wir.

Dann wurde es wieder heller. Die ersten Gespräche setzten ein. Fahrräder wurden aus dem Gewühl geschoben, Kinder zusammengerufen, die kleinen dunklen Brillen verschwanden in Taschen und Jacken. Das Universum hatte seine Vorstellung beendet, ohne Eintritt zu verlangen, und Kehl ging wieder nach Hause. Ich auch – ohne Sonnenfinsternisbrille.

Die nächste totale Sonnenfinsternis über Deutschland ist am 3. September 2081. Ich habe mir den Termin vorsichtshalber schon in den Kalender eingetragen. Die Brille besorge ich später.

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