Lupo hält offenbar einiges von mir. Er folgt mir durch die Wohnung. Küche, Arbeitszimmer, Wohnzimmer. Gehe ich zurück in die Küche, kommt er mit. Manchmal frage ich mich, ob das Liebe ist oder ob er mir grundsätzlich nicht traut. Draußen ändert sich unser Verhältnis. „Lupo, komm!“ Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Lupo geht weiter. Das Beunruhigende ist nicht, dass er mich ignoriert. Sondern dass er vorher sämtliche Fakten zur Kenntnis genommen hat.

Lupo ist elf, ein Dackelmischling aus Porto. Dackel ist ziemlich sicher. Was sonst noch in ihm steckt, dürfte sich irgendwann in Portugal ereignet haben und geht uns nichts an. Er ist klein. Daraus hat er nie geschlossen, dass andere größer sind. Ich schon. Auf unserer Runde bei Marlen im Rheinvorland bleibt er wieder vor einem Büschel Spitzwegerich stehen. Ich sehe eine Pflanze. Lupo sieht wichtige Informationen. Er liest. Ich warte, bis er standesgemäß geantwortet hat.

Mit elf sieht Lupo nicht mehr besonders gut. Sein Gehör dagegen funktioniert ausgezeichnet. Das Geräusch einer angeschnittenen Wassermelone erkennt er selbst im Tiefschlaf. Mich aus fünf Metern Entfernung nicht. Ich vermute selektive Schwerhörigkeit. Lupo schwärmt jedenfalls für Wassermelone. Über Geschmack lässt sich streiten. Mit Lupo nicht.

Mittlerweile ist er ruhiger geworden. Er prüft sorgfältig, ob sich das Aufstehen lohnt. Essen: auf jeden Fall. Wassermelone: unbedingt. Spazierengehen: meistens. Regen: ungern. Über 25 Grad: unzumutbar. Ich: situationsabhängig. Nur sein Dickkopf ist tadellos erhalten. Vielleicht habe ich ihn deshalb so gern. Auch ich werde nervös, sobald jemand sagt: „Das macht man eben so.“ Bei mir ist das eine Charaktereigenschaft. Bei Lupo ein Grundrecht.

Wir gehen weiter. Ich mit meinen Gedanken, Lupo mit seiner Nase. Irgendwann bleibt er zurück. Ich drehe mich um. Er steht am Wegesrand. Keiner bewegt sich. Ich bin der Mensch. Ich kaufe das Futter und bezahle den Tierarzt. Die Machtverhältnisse müssten eindeutig sein. Lupo schnüffelt weiter. Ich gehe zurück zu ihm. Als ich bei ihm bin, läuft er los und ich folge. Unsere Beziehung funktioniert hervorragend – solange wir nicht darüber reden, wer sie führt.

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