Ich habe beschlossen, einen Idiotendetektor zu erfinden. Nicht aus Zynismus. Sondern aus reiner Überlebensstrategie. Andere Menschen tragen Schutzhelme oder Sonnencreme – ich halte das für naiv. Die eigentliche Strahlung geht ja bekanntlich von Gesprächen aus.
Der Detektor wäre klein, elegant und fast unsichtbar. Vielleicht in Form eines Füllers, den man nie benutzt. Oder einer Uhr, die grundsätzlich die falsche Zeit anzeigt, aber moralisch korrekt tickt. Er würde nicht piepen – das wäre zu aufdringlich –, sondern diskret vibrieren, sobald jemand einen Satz beginnt mit: „Ich bin kein Experte, aber …“. Ich stelle mir vor, wie ich mit diesem Gerät durch den Alltag gehe: Bäckerei, Wartezimmer, Straßenbahn. Der Detektor meldet sich kaum hörbar, ein subtiles Zittern in der Tasche, wie ein Tier, das ahnt, dass gleich etwas gesagt wird, das besser ungesagt geblieben wäre.
Die Theorie des Geräts
Was misst dieser Detektor? Intelligenz sicher nicht – das wäre zu ungenau. Es gibt brillante Idioten und liebenswerte Unwissende. Nein, das Gerät reagiert auf eine spezifischere Frequenz: die Kombination aus felsenfester Überzeugung und bemerkenswerter Ahnungslosigkeit.
Ein typischer Ausschlag: Jemand erklärt Ihnen die Welt. Ungefragt. Mit der Autorität eines Menschen, der einmal eine Schlagzeile gelesen hat und sich seitdem für einen geopolitischen Analysten, Virologen, Wirtschaftsexperten und Verfassungsrechtler hält. In solchen Momenten würde der Detektor vermutlich nicht nur vibrieren. Denn dieselbe Haltung begegnet einem überall. Am Stammtisch. In Kommentarspalten. In Fernsehstudios. Mitunter sogar in Parlamenten. Menschen, die jedes Problem auf einen einzigen Satz reduzieren können, fühlen sich häufig berufen, die Welt zu erklären. Manche erklären sogar ganze Bevölkerungsgruppen. Andere erklären, warum Kriege notwendig seien. Wieder andere erklären, weshalb stets die anderen schuld sind.
Belastungsgrenze
Gemeinsam haben sie vor allem eines: Sie halten sich selten für Idioten. Meist halten sie die anderen dafür. Allerdings gibt es ein Problem, das ich bereits in der Planungsphase erkannt habe: Der Detektor würde gelegentlich auch auf mich selbst reagieren. Nicht oft, aber beunruhigend regelmäßig. Vor allem in Situationen, in denen ich besonders überzeugt von mir bin. Oder besonders müde. Oder besonders ich selbst.
Deshalb würde ich eine Rückkopplung einbauen. Jedes Signal würde intern überprüft. Das Gerät würde dann sehr leise fragen: „Bist du sicher, dass du gerade nicht Teil des Problems bist?“ Die theoretischen Tests verliefen bislang wenig ermutigend. Immer wenn ich gedanklich durch Vereinsversammlungen, Kommentarspalten oder Gemeinderatssitzungen gehe, erreicht das Gerät Werte, die von den Konstrukteuren ursprünglich für Ausnahmezustände vorgesehen waren.
Über mögliche Einsätze im politischen Betrieb liegen bislang nur Modellrechnungen vor. Diese lassen vermuten, dass das Gerät dort gelegentlich an seine Belastungsgrenze geraten könnte. Genauere Aussagen wären unseriös, solange kein funktionsfähiger Prototyp existiert. Ein Bekannter schlug vor, den Detektor nach seiner Fertigstellung in Serie zu produzieren. Ich habe dankend abgelehnt. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Angst vor den Folgen. Stellen Sie sich vor, jeder hätte so ein Gerät. Gespräche würden vorsichtiger werden. Debatten vielleicht etwas bescheidener. Manche Reden müssten vorzeitig abgebrochen werden. Einige Fernsehformate würden augenblicklich verschwinden. Und die eine oder andere Regierung käme womöglich ins Schleudern. Es bliebe eine seltsame, ungewohnte Ruhe. Und in dieser Ruhe – das ist der eigentliche Skandal – müsste man sich selbst zuhören. Ich fürchte, dafür bin ich technisch noch nicht ausgerüstet.