Der Klatschmohn hatte nie einen guten Ruf. Rosen genießen Ansehen. Tulpen genießen Ansehen. Orchideen genießen Ansehen. Ich misstraue Pflanzen, die von allen gemocht werden. Das ist dieselbe Skepsis, die ich gegenüber Menschen habe, die ständig lächeln und ihre Steuererklärung pünktlich abgeben. Der Klatschmohn dagegen sieht aus, als hätte er seine Unterlagen verloren.

Früher sah man ihn überall. An Feldrändern, neben Bahndämmen, hinter Garagen. Er wuchs an Orten, die keinen Bebauungsplan kannten und vermutlich auch keinen wollten. Ich erinnere mich an einen Sommer wie diesen, in dem die Luft über den Straßen flimmerte und alle behaupteten, früher sei es noch heißer gewesen. In den Gräben entlang der Felder stand der Klatschmohn zwischen Margeriten und Kornblumen. Man konnte ihn schon von weitem sehen. Damals hielt ich ihn für selbstverständlich. Heute fallen mir viele Dinge erst auf, wenn sie fast verschwunden sind.

Ein Klatschmohn auf Abwegen

Neulich entdeckte ich einen einzelnen Klatschmohn auf einem Parkplatz in Kehl. Er wuchs aus einer schmalen Ritze zwischen zwei Pflastersteinen, direkt neben einem Einkaufswagen-Unterstand. Das erschien mir kein besonders geeigneter Ort für eine Blume. Während ich den Klatschmohn betrachtete, schob ein Mann einen Wagen voller Mineralwasserflaschen vorbei. Eine Frau telefonierte mit sichtbarer Entschlossenheit. Jemand suchte seinen Autoschlüssel. Die Welt war beschäftigt. Der Klatschmohn nicht. Er stand einfach da, wirkte beinahe trotzig.

Heute begegnet man Pflanzen meist in geordneten Zusammenhängen. Sie stehen in Beeten, die aussehen, als wären sie von Steuerberatern entworfen worden. Alles hat seinen Platz. Jede Blume weiß offenbar, wo sie hingehört. Der Klatschmohn dagegen hat sich nie an Regeln gehalten. Seine Blütenblätter sehen aus, als hätte jemand versucht, ein rotes Taschentuch zu bügeln und die Geduld verloren.

Während Rosen jahrzehntelang Karriere als Symbol der Liebe machen, besitzt der Klatschmohn keinerlei Ehrgeiz. Er blüht. Er leuchtet. Er verschwindet wieder. Mehr nicht. Die Parkplätze bleiben. Die Einkaufswagen bleiben. Die Steuererklärungen vermutlich ebenfalls. Der Klatschmohn dagegen macht sich irgendwann einfach aus dem Staub. Manchmal beneide ich ihn darum.

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