Es gibt Rituale, die zuverlässig wiederkehren. Weihnachten. Heuschnupfen. Und der 1. Mai, an dem Menschen plötzlich glauben, sie seien Radfahrer.
Ich fahre genau einmal im Jahr Fahrrad – am 1. Mai. Dann zieht eine feucht-fröhliche Gruppe durchs Hanauerland, steuert mehrere Stationen an und tut so, als stünde die Bewegung im Vordergrund.
Gestern Morgen trat ich also hinaus zu meinem Fahrrad, das seit einem Jahr regungslos im Keller gestanden hatte. Es sah mich an wie ein alter Bekannter, dem man zu lange nicht geschrieben hat. Dann kam der Moment des Aufsteigens. Früher schwang man sich aufs Rad. Elegant. Gedankenlos. Heute stellte ich fest, dass ich Anlauf nehmen musste, um überhaupt über die Stange zu kommen. Nicht viel Anlauf. Zwei kleine Schritte. Aber genug, um mir klarzumachen, dass mein Körper gewisse Bewegungsabläufe offenbar archiviert hat.
Der erste Versuch war vorsichtig. Der zweite…. Beim dritten klappte es schließlich – allerdings weniger sportlich als technisch irgendwie gelöst.
Ich saß.
Die Tour durchs Hanauerland begann. Felder, Dörfer, Freunde, Gelächter und jene fröhliche Stimmung, bei der spätestens ab der zweiten Station niemand mehr genau weiß, ob die Fahrradtour nur ein Vorwand fürs Einkehren ist. Das Fahren selbst ging überraschend gut. Kritisch war vielmehr das ständige Auf- und Absteigen. Denn jedes Mal stand diese Stange wieder vor mir wie eine kleine persönliche Grenzkontrolle.
Irgendwo zwischen zwei Ortschaften wurde mir klar: Der 1. Mai ist für mich kein sportliches Ereignis mehr. Es ist ein jährlicher Funktionstest.
Kann ich noch Fahrrad fahren? Ja. Kann ich noch würdevoll aufsteigen? Darüber sollten wir besser schweigen.