Es ist noch Vormittag an diesem Heiligabend, als ich mit unserem Hund Lupo nach Marlen fahre. Die Straßen sind leerer als sonst, selbst die Ampeln scheinen langsamer zu schalten, als wollten sie den Tag nicht stören. Lupo sitzt auf dem Rücksitz, aufmerksam, wissend, dass dieser Ausflug kein gewöhnlicher ist. Über den kleinen Lupo gäbe es vieles zu sagen – aber das soll bei einer anderen Gelegenheit nachgeholt werden.

Der Rhein liegt grau und ruhig da, ein breites Band aus Kälte. Ein einzelner Vogel zieht eine zu große Schleife über dem Wasser und scheint selbst nicht recht zu wissen, warum. Ich puste mir in die Hände und stecke sie tief in die Jacke – natürlich habe ich wieder keine Handschuhe dabei.

Auf dem Damm dann dieses Bild: Ein Vater, sein kleines Kind an der Hand, und über ihnen ein Drachen, der sich tapfer gegen den Wind stemmt. Der Stoff flattert, zerrt, steigt. Für einen Augenblick tritt alles zurück, was sonst so laut ist – die täglichen Meldungen, die düsteren Prognosen, das ständige Gefühl von Unruhe. Die Welt ist nicht verschwunden, aber sie wird leiser.

Plötzlich erinnere ich mich daran, wie Weihnachten einmal war: als es noch Zauber hatte, nicht als großes Versprechen, sondern als kleines Gefühl. Der Geruch von kalter Luft, rote Wangen, das Warten auf etwas, das man nicht benennen konnte. Vielleicht war es genau das: dieses offene Warten.

Ich bleibe stehen, Lupo schnuppert zum zigtausendsten Mal am Gras, der Drachen zieht eine schiefe Bahn durch den Himmel. Der Vater hält die Schnur fest, das Kind hält ihn fest. Eine einfache Choreografie, die seit Generationen funktioniert. Und während der Wind über den Damm streicht, denke ich: Vielleicht ist das genug für heute. Ein Bild, das man mitnimmt. Ein Rest von Kindheit, der noch einmal aufsteigt – wie ein Drachen im Dezember.

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