Heute Morgen hat die Frühlingsluft über den Kehler Dächern eine seltsame Farbe. Sie ist nicht blau, wie man es erwarten würde, und auch nicht dieses gewöhnliche Grau, das sich zwischen Häuserfassaden sammelt. Nein, sie trägt jene zarte, kaum fassbare Tönung, die man nur bemerkt, wenn man zu lange stehen bleibt.
Früher, so bilde ich mir ein, hatte die Frühlingsluft eine eindeutigere Farbe. Vielleicht liegt das an mir. Ein Kind kennt keine Übergänge. Es sagt: Das ist grün. Das ist warm.
Der Duft von Azahar
Ich erinnere mich an einen warmen Regen. Er fiel nicht, er legte sich auf die Haut, vorsichtig, beinahe zärtlich. Die Luft war erfüllt vom süßlichen Duft der Orangenblüten – Azahar. Mit ihm blieb etwas in mir zurück.
Damals war die Zeit kein Strom, sondern ein Teich. Man konnte hineingreifen, das Wasser aufwirbeln, und es setzte sich wieder, als wäre nichts gewesen. Heute dagegen fließt sie weiter, leise, unbeirrt, selbst dann, wenn ich stehen bleibe.
Am Rheindamm
Ein älterer Herr mit Hut zieht langsam an mir vorbei. Ich gehe weiter auf dem Rheindamm. Und plötzlich ist er wieder da, dieser Duft. Ich bleibe stehen. Für einen Augenblick ist die Zeit wieder dieser Teich, und ich glaube, die Oberfläche wird sich gleich schließen, mich aufnehmen, mich zurücktragen.
Ich setze mich auf eine Bank, die noch kalt ist, als hätte sie den Winter nicht ganz losgelassen. Und während ich dort sitze, hat die Luft noch immer diese Farbe. Eine Farbe aus warmem Regen.
Aus dem süßen Duft der Orangenblüte. Aus einer Zeit, die nicht mehr zurückkommt – und die doch nie ganz gegangen ist.