Beim Vorbeifahren schaue ich mir fast automatisch die Gärten und Vorgärten der Häuser an. Für mich ist das eine Form winterlichen Müßiggangs. Viel ist da nicht zu sehen: kahle Sträucher, entlaubte Bäume, braune Staudenreste, die tapfer so tun, als gehörten sie genau so hierher. Der Winter ist kein guter PR-Berater für Hausgärten.

Ein Hauch Süden im Wintergrau

Umso auffälliger war kürzlich ein grünes Gewächs, das mir immer häufiger ins Auge fällt und inzwischen die Kehler Straßen säumt: die Hanfpalme. Sie steht da, unbeeindruckt von Frost, Nebel und badischer Nüchternheit, und verbreitet etwas, das ich sonst nur aus Urlaubsprospekten kenne – einen Hauch Mittelmeer. Ein kleines Versprechen von Süden, mitten im Grau.

Andalusien auf badischem Boden

Während ich noch darüber nachdachte, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich mich mit meinem Staunen besser etwas zurückhalten sollte. Denn der Süden ist bei uns längst eingezogen. Oder genauer: Er hat unseren Garten übernommen.

Dort stehen mittlerweile Mittelmeerzypressen, Palmen, Olivenbäume und ein Feigenbaum, als hätte ich beim Pflanzen kurz „Andalusien“ gedacht und dann einfach weitergemacht. Die Oliven wirken im Winter leicht indigniert, als sei man ihnen noch immer die Aussicht auf ein weiß getünchtes Dorf schuldig. Der Feigenbaum prüft jedes Jahr neu, ob Kehl wirklich ernsthaft als Standort gemeint ist. Und die Palme steht da, selbstverständlich, als wäre sie schon immer Teil dieser Gegend gewesen.

Es ist, wenn man ehrlich ist, weniger ein Garten als ein emotionales Auswanderungsprojekt. Ein südlicher Sehnsuchtsmix für Menschen, die eigentlich wissen, dass sie bleiben. Man holt sich den Süden nicht, weil man glaubt, hier werde bald Valencia ausgerufen. Sondern weil man hofft, dass ein Olivenbaum im Vorgarten das Fernweh wenigstens kurz zum Schweigen bringt.

Die Hanfpalmen entlang der Straße gehören zu diesem stillen Abkommen. Wir sind zwar am Rhein, aber innerlich dort, wo Orangenhaine duften und die Zeit langsamer vergeht. Man friert hier, ja – aber mit dem leisen Gefühl, dass es anderswo gerade 20 Grad und Sonne hat. Und wenn der Nebel aufzieht, denkt man nicht an Hochrhein oder Schwarzwald, sondern an eine leicht verhangene Küste irgendwo am Mittelmeer.

Vielleicht ist das der eigentliche Sinn dieser Pflanzen. Sie sind weniger eine botanische Entscheidung als eine mentale. Ein kleiner Trotz gegen das Wetter, die Jahreszeiten und die Vernunft. Der Süden kommt nicht wirklich näher, aber er steht zumindest im Vorgarten. Spoiler: Den Schwarzwald habe ich natürlich genauso gern. Wirklich.

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