Es gibt Momente, in denen man merkt, dass man sich selbst ein bisschen zu ernst genommen hat. Bei mir war es dieser freundlich-gutmütige Augenblick beim Familienessen, als von einigen alten Bücherkisten aus früheren Zeiten die Rede war und ich — leichtsinnig, literaturromantisch und eindeutig nicht ganz bei Trost — sagte: „Bitte die Bücher nicht wegwerfen!“ Sätze wie dieser sinken in Familienohren ein wie Steine in einen stillen Weiher. Und irgendwann tauchen sie wieder auf. Mit Wucht.
Der Treppenabsatz als literarische Landebahn
So stand ich also kürzlich im Hausgang. Und der Treppenabsatz stand voller Bücher. Ganz oben thronte „Die Barrings“ von William von Simpson — ein Roman, der aussieht, als würde er beim Lesen sofort einen Flügelanbau beanspruchen. Eichenmöbel in Prosaform. Daneben eine originalverpackte Jubiläumsausgabe von „Die lange Brück – 600 Jahre Wege zum Nachbarn“ — so lokalpatriotisch, dass man beim Öffnen vermutlich eine Ahnung von Rheinwasser verspürt.
Darunter ein kleines Feuerwerk der Genres, eine Art literarisches Überraschungsei: Luis Trenker – „Berge in Flammen“: heroisch, schweißtreibend, alpines Testosteron. Rosamunde Pilcher – „Die Muschelsucher“: so weit weg von Trenker wie ein Cornish Cream Tea vom Südtiroler Speckbrettl. Ludwig Ganghofer – „Der Dorfapostel“: ein Buch, bei dem man automatisch ein bisschen andächtig wird. „Der Widerstand im deutschen Südwesten 1933–1945“: der moralische Ernst inmitten der Herzschmerzprosa. Habels großes Hausbuch der Homöopathie: Globuli in Hardcover, für alle Fälle.„Sandgeflüster – Erotische Reisegeschichten“, herausgegeben von Gundula Lorenz, deren Name klingt, als würde sie Literaturabende im Safarihelm moderieren. Und schließlich „Mehr Freude am Garten“, ein Ratgeber, der vermutlich schon mehr Krisen überstanden hat als so manche Familienfeier.
Es gibt noch mehr…
Obendrauf eine handschriftliche Notiz, halb Drohung, halb Fürsorge: „Nur ein kleiner Auszug der literarischen Vielfalt! Es gibt noch mehr…“ Ich hörte innerlich einen dezenten Warnton. In Wahrheit war längst klar: Das war keine harmlose Bücherspende. Also tat ich das einzig Ehrenhafte: Ich trug den Stapel hinein und nahm meinen Platz in der unfreiwilligen Literaturgeschichte ein — irgendwo zwischen Homöopathie, Pilcher und erotischen Reiseabenteuern.
Beim nächsten Familienessen werde ich vorsichtiger sein. Vielleicht sage ich: „Bitte nichts wegwerfen außer Büchern, die älter sind als ich.“ Denn eines steht fest: Wenn das der kleine Auszug war, möchte ich den Rest eigentlich gar nicht sehen.
Obwohl … natürlich möchte ich.